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Public-Affairs-Lobbying: Der neue Stil organisierter Interessenvertretung in Berlin Von Markus Pounder, MärzheuserGutzy Kommunikationsberatung GmbH Spätestens die ‚Hunzinger-Affäre’, die den tiefen Fall des damaligen Verteidigungsministers Rudolf Scharping kurz vor der Bundestagswahl 2002 zur Folge hatte, hat uns klar gemacht, wie groß der Einfluss der Lobbyisten in Deutschland ist. Es wurde deutlich, dass das Geschäft der Einflussnahme im Verborgenen blüht und die Grenzen fließend sind. Dieses Geschäftsmodell des reinen ‚Adressbuch-Lobbyismus’ ist jedoch seit der breiten öffentlichen Kritik an diesen Methoden, für gescheitert zu erklären und gilt mittlerweile in der Branche als überholt. In das Augenmerk der medialen Öffentlichkeit rückt seitdem verstärkt die professionelle und seriöse Variante der politischen Interessenvertretung – die externe Public Affairs Beratung. Neben den Verbänden sind zunehmend Public Affairs Agenturen neue Akteure auf der Bühne des Lobbyismus in Berlin. Doch warum ist in Deutschland eine Marktnachfrage nach externer Public Affairs Beratung entstanden? Ist die zunehmende ‚Verbandsflucht’ ein Indiz für den sinkenden Einfluss der Verbände? Dialogbereitschaft von Wirtschaft und Politik Aufgrund der zunehmenden Komplexität von gesellschaftlichen, politischen und vor allem von wirtschaftlichen Prozessen ist die Bereitschaft seitens der Politik mit der Wirtschaft in Dialog zu treten in den letzten Jahren stark gestiegen. Der Informationsbedarf der Politiker ist hoch und daher lange nicht mehr alleine durch internen Sachverstand zu decken. Immer mehr Unternehmen versuchen direkte Kontakte mit den politischen Entscheidungsträgern in Exekutive und Legislative zu pflegen, um frühzeitig über mögliche Entwicklungen informiert zu sein und um die politischen Entscheidungsprozesse für sich günstig beeinflussen zu können. Die Struktur der Interessenvermittlung zwischen staatlichen und gesellschaftlichen Akteuren in Deutschland scheint sich im Wandel zu befinden. Der Regierungswechsel von 1998 und der ein Jahr später folgende Umzug von Regierung und Parlament nach Berlin sind dabei sicherlich von großer Bedeutung. Berlinisierung Politische Prozesse und Strukturen sind in Berlin unübersichtlicher, (medien-) öffentlicher und aufgrund der größeren Akteursvielfalt komplexer geworden. Public Affairs Agenturen haben sich als Lotsen im Beziehungsgeflecht von Politik, Wirtschaft und Medien etabliert. Neben dem Berlin-Umzug von Regierung und Parlament im Jahr 1999 liegt ein weiterer Faktor für das Aufkommen der Public Affairs Agenturen darin begründet, dass quasi parallel ein Regierungswechsel auf Bundesebene stattfand. Die festen Kontakte und eingespielten Handlungsmuster zwischen Politik und Wirtschaft, die sich über sechzehn Jahre hinweg entwickelt hatten, funktionierten auf einmal nicht mehr. In der Folge wurden traditionelle Lobbying-Methoden, die nur auf den Erfolg von persönlichen Netzwerken setzten, abgelöst und durch ein professionelles Verständnis von Interessenvermittlung ersetzt. Vom Verbandslobbyismus zum Public Affairs Lobbying Fakt ist: Auch die Interessen innerhalb der Gesellschaft unterliegen einer zunehmenden Individualisierung und Spezialisierung. Damit wird das Suchen und Finden der auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmten Interessenvertretung zu einer stetig wachsenden Herausforderung. Insbesondere Wirtschaftsunternehmen aber legen großen Wert auf Interessenvertretung, die auf ihre speziellen Interessen zugeschnitten ist. Traditionelle Mitgliederverbände können diesen Wunsch nach individueller Dienstleistung nicht mehr erfüllen. Hinzu kommt, dass innerhalb dieser Verbände zumeist nur noch eine Lösungsfindung möglich ist, die auf dem Prinzip des kleinsten gemeinsamen Nenners beruht. Das liegt vor allem daran, dass die Interessenlagen der verschiedenen Mitgliedsunternehmen immer mehr divergieren. Kosten und effektiver Nutzen der Verbandsmitgliedschaft stehen für viele Unternehmen in einem derart zunehmenden Missverhältnis, dass es ihnen schwer fällt dem Verband weiterhin treu zu bleiben. Das Know-how der Public Affairs Agenturen Das Know-how der Public Affairs Agenturen liegt in einer detaillierten Kenntnis der politischen Entscheidungsprozesse auf nationaler und internationaler Ebene. Zudem zeichnet sie die Fähigkeit aus, die Themen, die für ihre Kunden relevant sind, frühzeitig zu identifizieren, um sie anschließend mittels Presse- und Öffentlichkeitsarbeit medial begleiten zu können. Außerdem verfügen Public Affairs Agenturen über ein umfangreiches Netzwerk an Kontakten zu Entscheidungsträgern im politischen Raum. In der Public Affairs Beratung sind Instrumente des Lobbying, des Issues Management und der klassischen Öffentlichkeitsarbeit zu einer ganzheitlichen Strategie vereint. Dabei wird durchaus auch auf Methoden der klassischen verbandsförmigen Interessenvertretung zurückgegriffen – natürlich nur soweit diese von einer Agentur genutzt werden können. Diese Methoden werden aber auf alle Fälle durch die speziellen Public Affairs Instrumente ergänzt. Der neue Akteur auf der Bühne des Lobbying Man kann sagen, dass die Public Affairs Agenturen neben den Konzernvertretungen und den Verbänden eine dritte Säule des Lobbyismus bilden. Diese Agenturen sind neue Akteure auf der Bühne des Lobbyismus in Berlin. Die Aktivitäten der externen Dienstleister haben den Lobbyismus in Deutschland entscheidend verändert: Volksvertreter und Behörden werden vielseitiger informiert, die Macht der Verbände schwindet. Diese haben aber nach wie vor ihre Berechtigung und werden auch in vielen Bereichen führende Interessenvertreter bleiben. |

